Schwerbelastungskörper und Reichshauptstadt Germania



Die Nationalsozialisten unter Hitler träumten von nichts Geringerem als der Weltherrschaft. Sie sahen die Deutschen als Herrenrasse an, die allen anderen Völkern überlegen sei. Diesen Größenwahn wollten sie auch optisch und städtebautechnisch unterstreichen. Mit der Reichshauptstadt Germania wollte Hitler alle anderen Weltmetropolen in den Schatten stellen und seine Herrschaftsansprüche zum Ausdruck bringen. Zwar wurde aus den Plänen nichts, doch der Schwerbelastungskörper in Berlin zeugt noch heute von den damaligen Plänen.


In der Tradition der Antike

Hitler war bekanntlich kein Freund von Berlin. Die preußische Stadt war ihm zu dekadent und die hier lebenden Juden zu mächtig. Er begeisterte sich vielmehr für die Antike und schwärmte für die monumentalen Prachtbauten in Rom und Ägypten. Vielleicht hat er sich gerade deswegen Berlin als Ort für die Realisierung der von ihm angestrebten Welthauptstadt Germania ausgesucht. Er wollte der Stadt seinen eigenen Stempel aufdrücken und sie zu etwas machen, was ihm gefiel.

Die Realisierung seiner Pläne war insbesondere dazu gedacht, andere Nationen zu demütigen und deren Sehenswürdigkeiten unbedeutend erscheinen zu lassen. Hitler selbst fragte "Was ist London, was ist Paris dagegen!", wenn es um die Reichshauptstadt Germania ging. Er wollte beeindruckende Prachtbauten erschaffen, die der Welt die Überlegenheit der Deutschen zeigen und auch in 1.000 Jahren noch Bestand haben sollten.

Besuchen Sie auf Ihrer Klassenfahrt nach Berlin einmal den Schwerbelastungskörper!

Albert Speer soll die Pläne realisieren

Hitler entschied sich dafür, die Umsetzung der Reichshauptstadt Germania in die Hände von Alfred Speer zu legen. Dieser war 1937, als die Pläne erstmals öffentlich diskutiert wurden, erst 32 Jahre alt, hatte aber schon zahlreiche Bauwerke realisiert. Hierbei zeichnete er sich durch eine Art Verrücktheit aus, die bei Hitler gut ankam. So hatte Speer beispielsweise das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gebaut, das insgesamt 16,6 km² groß war. Zudem entwarf und realisierte er 1935 die Reichskanzlei Hitlers, in der beispielsweise die Türen fünf Meter hoch waren.

Speer dachte groß und wollte etwas Einzigartiges schaffen. Das imponierte Hitler. So teilte Speer auch die Einschätzungen seines Vaters, der ebenfalls Architekt war, nicht, dass die Pläne absolut verrückt seien. Vielmehr empfand er die anstehenden Aufgaben als Herausforderung, denen er sich stellen wollte. So wäre es zum Beispiel für die Umsetzung der Pläne zur Halle des Volkes notwendig gewesen, die Spree umzuleiten und unterirdisch weiterfließen zu lassen. Speer und sein Team arbeiteten fieberhaft an Lösungen, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Dass Hitler von dem jungen Architekten überzeugt war, erkennt man daran, dass er ihn unbedingt für das Projekt "Germania" gewinnen wollte. So schaffte er eigens für Speer einen Posten mit dem Titel "Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt" und übertrug ihm die hierfür notwendigen Verantwortungen. Zwar kam es bei den meisten Vorhaben Speers und Hitlers nie zu deren Umsetzung, weil der Krieg die meisten Ressourcen in Beschlag nahm, dennoch wurden viele Pläne intensiv ausgearbeitet und sind teilweise bis heute erhalten.

Die beiden Prachtstraßen der Reichshauptstadt Germania

Als eine Art Grundgerüst der Reichshauptstadt Germania sollten zwei Prachtstraßen angelegt werden, die nahezu das gesamte Stadtgebiet umfassen sollten. Die 50 km lange Ost-West-Achse wurde bereits 1935 in Angriff genommen und zu Hitlers Geburtstag 1939 teilweise fertiggestellt und eingeweiht. Bis heute zeugen zum Beispiel 800 altertümliche Straßenlaternen zwischen Theodor-Heuss-Platz (früher Adolf-Hitler-Platz) und dem S-Bhf. Tiergarten von den Plänen und der Baukunst der damaligen Zeit. Hitlers Vorliebe für die Antike spiegelt sich unter anderem daran wider, dass dieser Straßenabschnitt damals als "Via Triumphalis" bekannt war.

Die Nord-Süd-Achse der Reichshauptstadt sollte insgesamt 40 km lang werden. Auf ihr sollten sich zahlreiche Prachtbauten und Sehenswürdigkeiten befinden, die Germania einzigartig machen sollten. So war zum Beispiel geplant, in der Nähe der Großen Halle ein riesiges Wasserbecken zu errichten, in dem sich die Halle spiegeln sollte. Außerdem war für das südliche Ende ein Triumphbogen geplant, der seinen Namensvetter in Paris winzig erscheinen lassen sollte. Des Weiteren wurden bei der Planung Vorhaben wie die Breitspurbahn und der Südbahnhof berücksichtigt.

Die Halle des Volkes

Die Halle des Volkes, die auch als Große Halle und Ruhmeshalle bekannt ist, sollte das Prestigeobjekt der Reichshauptstadt Germania sein. Sie sollte zu einem Monumentalbauwerk werden, neben dem alle anderen Sehenswürdigkeiten der Welt verblassen sollten. So war beispielsweise geplant, dass die Halle so groß sein sollte, dass der Eiffelturm darin Platz gefunden hätte. Außerdem sollte die Kuppel einen Durchmesser von 250 Metern haben und somit über das 17-fache Volumen des Petersdoms verfügen. Hieran zeigt sich, dass Hitler unter der Reichshauptstadt eine Welthauptstadt verstand. Nirgendwo auf der Welt sollte es etwas geben, das beeindruckender als dieser Prachtbau war.

Insgesamt sollten 180.000 Menschen in der Halle Platz finden. Hitler wollte sich bei seinen Reden von ihnen bejubeln lassen und eine eingeschworene Gemeinschaft der Herrenrasse bilden. Das Innere der Halle sollte dem Kult um Hitler Gestalt geben und ihn unsterblich machen. Ansonsten sollte das Gebäude als Kongresshalle dienen. Die Ausmaße und Dimensionen hatte Speer in einem Gipsmodell veranschaulicht, das bis heute erhalten ist. Mit der Verschärfung des Weltkrieges waren immer weniger Ressourcen für die Umsetzung der Reichshauptstadt im Allgemeinen und der Halle des Volkes im Besonderen da. Hitler und Speer überlegten, die Pläne durch KZ-Insassen und andere Häftlinge umsetzen zu lassen, dazu kam es aber nicht mehr. An der Stelle, an der die Große Halle stehen sollte, befinden sich heute das Bundeskanzleramt und der Spreebogen.

Der Schwerbelastungskörper als Testgebäude

Speer hatte große architektonische Pläne, machte sich aber mit der Zeit Sorgen um deren Umsetzbarkeit. So hatte er beispielsweise in Bezug auf den Triumphbogen Sorge, dass dieser aufgrund seines hohen Gewichts im Sandboden Berlins versinken könnte. Aus diesem Grund wurde am heutigen Loewenhardtdamm/Ecke General-Pape-Straße südlich der Dudenstraße ein Schwerbelastungskörper gebaut. Dieser hat eine Grundfläche von 100 m² und ein Gewicht von 12.650 Tonnen und kostete 400.000 Reichsmark (heute etwa 1,7 Millionen Euro).

Im Inneren des Schwerbelastungskörpers wurden Messgeräte angebracht, mit denen die Stabilität des Gebäudes untersucht wurde. Zwischen 1942-1944 wurden zahlreiche Daten gesammelt, die dann 1948 nach dem Sturz Hitlers und dem verlorenen Weltkrieg ausgewertet wurden. Hierbei zeigte sich, dass der Turm innerhalb von zwei Jahren um fast 20 cm in den Boden eingesunken war und eine deutliche Schieflage hatte. Der geplante Triumphbogen wäre somit nicht realisierbar gewesen. Der Schwerbelastungskörper steht bis heute und kann gefahrlos besichtigt werden.



Berlin, Deutsche Geschichte, Klassenfahrt