Auf literarischer Zeitreise in Prag

Marco

Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren aus den böhmischen Ländern ist ein Bewahrungsort, ein wahr gewordener Traum, ein Ort der Entdeckung, des Austausches, der Inspiration, ein Ort der Begegnung, des Gesprächs, der wissenschaftlichen Arbeit, der Entwicklung, eine Heimstatt zu Unrecht vergessener deutschsprachiger Schriftsteller aus Prag, Böhmen und Mähren. Es ist ein Literatur- und Begegnungszentrum mit einer thematischen Bibliothek, mit der Dauerausstellung „Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur“, mit einem Literaturcafé, mit Vorträgen, einem Stipendienprogramm für junge Autoren, mit Konferenzen, Fachvorträgen, Autorenlesungen, Präsentation neu veröffentlichter Bücher, Schreibwerkstätten und Rezitationswettbewerben für Kinder und Jugendliche… Es ist eine Entdeckung für jeden Deutschlehrer und seine Schüler auf einer Klassenfahrt nach Prag.

Franz Kafka, Max Brod, Franz Werfel, Rainer Maria Rilke, Louis Fürnberg, F.C. Weiskopf oder der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch – wer kennt sie nicht, hat das eine oder andere von ihnen gelesen. Sie gehören zu der Gruppe von ca. 180 Autoren, deren Heimat Böhmen und Mähren war. Die bekanntesten stammten aus oder lebten in Prag und fanden hier ihre Inspiration. Sie sind die Protagonisten der deutschsprachigen Literatur, die zwischen 1884 und 1939 in ihren Werken und mit ihren Übersetzungsarbeiten tschechische, deutsche und jüdische Elemente ganz selbstverständlich miteinander verwoben. Ihnen wird eine wichtige kulturelle Mittlerrolle zwischen Tschechen und Deutschen zugeschrieben.

Seit dem Mittelalter lebte in Prag eine deutschsprachige Mehrheit. Durch starken Zuzug aus dem tschechischsprachigen Umland verlor Prag ab 1848 diese deutschsprachige Mehrheit. Waren 1848 noch sechzig Prozent der Prager Bevölkerung Deutsche, so waren es 1880 nur noch fünfzehn Prozent und 1910 bei der letzten Volkszählung der Monarchie nur noch sechs Prozent. Und innerhalb dieser deutschen Minderheit bildeten die Juden eine Mehrheit. So ist es nicht verwunderlich, dass sehr viele der damaligen deutschsprachigen Schriftsteller auch Juden waren, was letztlich zur Verfolgung durch die Nationalsozialisten und teilweise zur Vernichtung ihrer Werke führte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bot Prag einen fantastischen Nährboden für Künstler und nachwachsende Literaten. Prag galt als Inspirationquell, ähnlich wie Paris. Man traf sich in den Kaffeehäusern und diskutierte über Gott und die Welt, beobachtete das Leben, die Stadt, die Menschen… Eine, die dabei war und die meisten ihrer großteils lange verstorbenen Kollegen der 1930er und 1940er persönlich kannte, die Granddame der deutschsprachigen Prager Literatur, die letzte deutschsprachige Erzählerin Prags, Initiatorin und Mitgründerin des Prager Literaturhauses – Lenka Reinerova, beschreibt dieses Flair der Prager Künstlerszene in ihrem Erzählband Das Traumcafe einer Pragerin:

„Wohin, so frage ich mich oft, wenn ich durch mein Prag schweife, wohin sind die Kaffeehäuser verschwunden, in denen man über einer Tasse heißen Kaffees einen halben oder beinahe den ganzen Tag diskutieren und Pläne schmieden, Freundschaften schließen oder gar eine große Liebe finden konnte. Und weil es sie nicht mehr gibt, diese Zufluchtswinkel ferner Jahre, spinne ich jetzt gerne an einem ganz persönlichen Prager Traum: Irgendwo in dem schleierhaften blau-grauen Dunst über den von Grünspan bezogenen Kuppeln und den gestrengen Kirchtürmen, gibt es ein Café mit vielen Tischen, und von jedem kann man hinunterblicken in unsere Stadt, und die das tun, haben hier fast alle einmal gelebt. Und ich habe sie gekannt.“ Mit über neunzig Jahren hat sie ihre Idee, auch vergessenen oder nicht mehr aufgelegten Schriftstellern in Prag ein Denkmal zu setzen, mit der Gründung des Stiftungsfonds zum Literaturhaus im Herbst 2004 noch verwirklichen können.

Besonders erlebenswert ist die im vorigen Jahr entstandene Dauerausstellung Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur. Der 34 Quadratmeter kleine Raum wirkt wie ein gemütliches Wohnzimmer. Bücherregale bis zur Decke mit über 1000 Bänden deutschsprachiger Autoren, alte Fotografien und Drucke, eine alte Schreibmaschine, die Taschenuhr von Egon Erwin Kisch, zeitgenössische Film- und Tonaufnahmen gehören zum Interieur und in den Schrankwänden unter den Regalen finden sich aufschließbare Fächer und Schubladen voller Autorenkarteien. Eine interaktive Ausstellung zum Anfassen, zum Entdecken.

Schauen Sie sich doch am besten auf unserer Website die zahlreichen Anregungen für eine Klassenfahrt nach Prag an, die wir neben dem Literaturhaus außerdem zu bieten haben - es lohnt sich!


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