Le Havre - Eine Stadt entsteht neu



Geschichtlicher Hintergrund

Als am 12. September 1944 Alliierte Truppen die Hafenstadt Le Havre befreiten, war die Stimmung der Bevölkerung zwiegespalten. Denn der Befreiung ging ein großes Bombardement in den ersten Septembertagen voraus. Rund 150 Hektar der Stadt wurden dabei zerstört. Es war nicht der erste Bombenangriff auf die Stadt, jedoch einer der verheerendsten. Bereits seit 1941 war die Stadt immer wieder Ziel alliierter Luftschläge gegen deutsche Armeeverbände.
Grund dafür ist auch die strategische Lage der Stadt in der Nähe der Normandie. Der Strandabschnitt, an dem die Alliierten 6. Juni 1944 die Operation Overlord starteten. Die Befreiung der Stadt war für viele Menschen ein Trost, dass nun der Krieg für sie beendet war, doch zu welchem Preis? Le Havre ist heute sowohl eine kulturelle Stadt als auch ein Mahnmal für die Sinnlosigkeit des Krieges und die unvorstellbare Zerstörungskraft, die ein solcher mit sich bringt.

Vor allem für Kunstklassen lohnt sich eine Klassenfahrt nach Le Havre, denn hier kann man den Impressionismus als auch die 'Betonarchitektur' erleben.

Vom Schutthaufen zum Vorreiter moderner Architektur

Trümmer, Schutt und Tote. Das beschrieb 1944 die Stadt Le Havre wohl am genausten. Eine Stadt, die bei Weitem keine Stadt mehr war. Um sich das Ausmaß der Katastrophe vorstellen zu können, ist die Tatsache, dass bis heute in den Bombennächten vermisste Personen nicht gefunden wurden, mehr als nur eine Mahnung an zukünftige Generationen. Doch genauso groß, wie die Zerstörung der Stadt war, so groß war auch der Wille der Menschen, ihre Heimat wieder aufzubauen. Ein Name sticht dabei ganz besonders heraus, Auguste Perret. Perret gilt heute als Volksheld der Franzosen und zugleich als einer der ganz großen Architekten, die maßgeblich zu der Neuerrichtung von Le Havre beigetragen haben.

Die Neuerrichtung der Stadt steht dabei unter einem ganz besonderen Aspekt. Beton. Nach dem 2. Weltkrieg waren Rohstoffe besonders knapp, insbesondere was den Bau von Gebäuden anging. Das galt auch für Le Havre.
Was jedoch in großen Mengen zur Verfügung stand, war Schutt. Auguste Perret nutzte diese Möglichkeit und lies zahlreiche Gebäude mithilfe des Schutts neu errichten. Für viele Franzosen lebt aufgrund dieser Maßnahme das alte Le Havre in der neuen Stadt weiter. Doch das war nicht der einzige Geniestreich, den der bereits 70- jährige Perret aus der Trickkiste holte. Perret lehrte bereits in früheren Jahren in Paris Architektur und hatte zu zahlreichen Schülern auch nach Ende des 2. Weltkriegs noch Kontakt. Jene Personen holte er als Unterstützung, um den Aufbau von Le Havre voranzutreiben. Die Kombination aus genialen Ideen und dem Zeitgeist neuer Generation verkörpert heute eindrucksvoll die Stadt Le Havre.

Le Havre - Eine Stadt im neuen Glanz

Le Havre hatte in den 1930er und 1940er-Jahren zahlreiche logistische Probleme, die auch Auguste Perret bestens bekannt waren. Unter anderem war es so, dass zahlreiche Hafenarbeiter in Notunterkünften leben mussten, da Wohnraum in der Stadt selbst als Mangelware galt.
Dieses Problem wollte Perret im Zuge des Neuaufbaus lösen. Dabei veränderte er jedoch nicht die Struktur und die Straßengrundrisse der Stadt, die bereits seit dem 19. Jahrhundert bestanden, sondern errichtete symmetrisch neue Komplexe, um so gezielt Wohnraum zu schaffen. Dabei legte er ganz bestimmte Planungen fest, wie beispielsweise die Einhaltung von 6,24 Metern als Raster für neue Bauten.
Dies half nicht nur bei der schnelleren Umsetzung, sondern konnte auch weit kostengünstiger realisiert werden. Ein Gebäude stand aber bei Perret noch deutlicher im Vordergrund. Das Rathaus war ein wichtiger Bestandteil, der in der Neuerrichtung der Stadt im Fokus stand. Das riesige Rathaus gilt heute als eines der ganz besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Perret war nicht nur ein Pionier der Betonbauten, sondern auch ein Vorreiter für große Gebäudekomplexe mit zahlreichen Stockwerken. Besonders im Stadtzentrum findet man auch heute noch diese großen Bauwerke aus Beton, die teilweise 13 und mehr Stockwerke besitzen. Angesichts der Zeit, in der die Bauten errichtet wurden, eine enorme Meisterleistung.
Vergleicht man diese Bauwerke mit anderen Städten, die ebenfalls nach dem 2. Weltkrieg neu aufgebaut werden mussten, stellt man eine Besonderheit fest. Le Havre ist die einzige Stadt, die nach der Zerstörung nicht im typischen Stil der Zeit wieder aufgebaut wurde, sondern sich an der modernen Zeit, so wie wir sie heute kennen, orientiert hat. Die Stadt selbst ist also ein Vorläufer der modernen Zeit.
Wer die architektonische Entwicklung sehen möchte, der kann die Anfänge dieser uns heute bekannten Zeit nur in Le Havre und in keiner anderen Stadt finden. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Le Havre auch UNESCO Weltkulturerbe, was insbesondere auf dem Stadtzentrum zurückzuführen ist. Auguste Perret hat etwas geschaffen, was die moderne Zeit eingeläutet hat, obwohl diese in der Form für viele Menschen noch gar nicht sichtbar war. Er machte Le Havre somit zu einem Ort, an dem die Geschichte weiterlebt, in den Bauten der modernen Zeit.

Die Lehren, die die Welt aus Le Havre ziehen konnte

Es gibt 3 Lehren, die die Welt aus der Geschichte von Le Havre ziehen konnte. Die erste Lehre spiegelt die Sinnlosigkeit des Krieges wider und die damit verbundene Zerstörungskraft. Es gibt viele Mahnmale auf der Welt, die an die Schrecken eines Krieges erinnern sollen. Doch Le Havre ist mehr als nur ein Mahnmal, sie ist ein Symbol und eine Form der Warnung an kommende Generationen, was ein Krieg anrichten kann.
Neben diesem tragischen Aspekt steht aber als zweite Lehre auch die Architektur selbst im Fokus. Dank Auguste Perret wurden die Möglichkeiten des Betonbaues aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachtet und bilden heutzutage die grundlegende Bauform in Europa und der Welt. Ein Schritt, der die Menschheit im Puncto Baukunst um ein Vielfaches vorangebracht hat.
Die dritte Lehre, die ebenfalls an die zweite Lehre angelehnt ist, ist die Tatsache, dass auch die größte Tragödie die Menschen nicht erschüttern kann. Le Havre, insbesondere die Menschen der damaligen Zeit, sind ein Sinnbild dafür, was Optimismus, Mut und Entschlossenheit, einen Neuanfang zu wagen, bewegen kann.
Diese Stadt steht also nicht nur für eine moderne Architektur, die ihrer Zeit weit voraus war, sondern auch für die Menschen selbst, die nach dem 2. Weltkrieg nicht den Glauben an die Möglichkeiten verloren haben. Es gebührt nicht nur dem Architekten Auguste Perret einer hohen Anerkennung, sondern allen Menschen, die zu dieser Zeit ihre Stadt und ihre Heimat wieder aufgebaut haben.



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